Formaldehyd in der E-Zigarette?

04.06.2015 17:59:31 Themen

Bild: flickr.com // Mads Bødker // CC BY 2.0

Was haben die Aussagen „Griechenland ist auf einem guten Weg“ (Wolfgang Schäuble, März 2013), „Dieses Geld (der Euro) wird eine große Zukunft haben“ (Helmut Kohl, Januar 2001) und „Formaldehyd in der E-Zigarette“ (Focus, Die Welt, n-tv u.a., November 2014) gemeinsam? Sie stimmen alle nicht!

Nun, wir möchten uns hier nun nicht mit dem Euro beschäftigen, der so weit im Wert fällt, dass der französische Präsident Francois Hollande schon jetzt frohlockt, dass er keinen Taschenrechner mehr braucht, um seine (sicherlich sehr vielen) Euros in US-Dollar umzurechnen. Doch alle diese Aussagen sind ein guter Beweis dafür, dass Medien, Wirtschaft und Politik(er) es mit der Wahrheit nicht ganz so genau nehmen – sei es einfach aus Unwissenheit oder mit dem Vorsatz ein eigenes Ziel zu erreichen.

Anders als der Euro der mit den (ehemaligen?!) Goldmann-Sachs-Managern Mario Draghi und Jean-Claude Juncker, sowie der deutschen Kanzlerin starke Verbündete hat, steht die E-Zigarette alleine da und muss sich gegen die ständigen Angriffe durch die Tabak- und Pharmaindustrie, der Politik und damit auch den Medien wehren.


„Formaldehyd in der E-Zigarette“ – was war passiert?

Im November 2014 griffen viele Medien eine Nachricht über ein japanisches Forscherteam auf, welches bei einer Studie zu E-Zigaretten angeblich herausgefunden hat, dass E-Zigaretten einen bis zu zehnfach höheren Wert an Formaldehyd aufweisen als Tabakzigaretten.

Ohne eigene Recherche verbreiteten nun also die Online-Medien, Zeitungen und Zeitschriften und auch das Fernsehen diese Nachricht als „Wahrheit“. Der Kardiologe Dr. Farsalinos (ein Grieche – so schließt sich der Kreis… ;-)) wunderte sich über diese Ergebnisse, vor allem da eine kanadische Studie im Jahre 2008 feststellte, dass im Tabakrauch (circa 10 Züge) rund 200μg Formaldehyd auftreten und kontaktierte einen der Autoren der japanischen Studie den Leiter des WHO Kollaborationszentrum für Tabaktests und Forschung in Japan Prof. Dr. Kunugita.

Naoki Kunugita übersandte dem Kardiologen daraufhin die Quellen und Studien, die zu dem überraschendem Ergebnis der Studie führten – überraschend auch aus dem Grund, weil sich in den Unterlagen nichts finden ließ, was daraufhin wies, dass Kunugita und Kollegen tatsächlich in einer E-Zigarette mehr Formaldehyd gefunden haben als in einer Tabakzigarette.

Das Gegenteil war der Fall: Alle 13 getesteten japanischen E-Zigaretten enthielten im Schnitt 50-mal weniger Formaldehyd als eine Tabakzigarette und lagen damit deutlich unter den Richtwerten des Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) welche Werte unter 124 Mikrogramm Formaldehyd pro Kubikmeter Raumluft als nicht krebsauslösend bewerten.


Dr. Kunugita rudert zurück

Zeitgleich mit dem Übersenden der Ergebnisse ruderte Prof. Dr. Kunugita zurück und behauptet nun, dass das Team in einer bestimmten e-Zigaretten Marke mehr als 10-mal die Höhe der Karzinogene fand.

Ein weiteres Problem: Niemand (bis auf Kunugita und sein Team) wissen nun wirklich ob, unter welchen Umständen und welche E-Zigarette diese angeblich hohen Wert an Formaldehyd aufwies.

Pikant: Prof. Dr. Kunugita ist Leiter des WHO Kollaborationszentrum für Tabaktests und Forschung in Japan und damit das „japanische Gegenstück“ zu einer „guten Bekannten“ aller E-Dampfer nämlich der Leiterin des WHO Kollaborationszentrum für Tabaktests und Forschung in Deutschland/Heidelberg Dr. med. Martina Pötschke-Langer...


Noch mehr E-Zigaretten mit Formaldehyd?

Auch eine englische Forschergruppe machte sich daran, Formaldehyd in E-Zigaretten nachzuweisen und wurde (angeblich) fündig und veröffentlichte die Ergebnisse im Januar im angesehenen New England Journal of Medicine. Angeben wurde, das wenn E-Zigaretten mit einer hohen Spannung betrieben werden (5.0 Volt), sie sogenannte Formaldehydabspalter freisetzen, die wiederum Formaldehyd freisetzen können. Ob dies so ist und wie viel Formaldehyd tatsächlich beim E-Dampfen freigesetzt wird, können die Forscher nicht beantworten, da dies von vielen Faktoren abhängig ist.

Interessant ist hier vor allem, wie dieses Ergebnis zustande kam. Denn laut einer E-Mail eines teilhabenden Forschers wurden für den Test „Sailebao CE4 cartomizer“ (Anmerkung des Autors: es handelt sich hierbei natürlich nicht um einen „cartomizer“ wie vom Forscher angegeben, sondern um einen Clearomizer, der 2012 auf dem Markt erschien) verwendet.

Diese Clearomiser sind aufgrund der Bauart für Spannungen von 5.0 Volt aber nicht geeignet, da der Liquidfluss nicht gewährleistet wird und es dann zu einem ekelhaften „Dry Hit“ kommt, welcher jeden Dampfer davon abhalten würde weiterhin an der E-Zigarette zu ziehen. Beim Test mit demselben Clearomiser und einer Spannung von lediglich 3.3 Volt wurden von den Forschern keine Formaldehydabspalter im Dampf gefunden.

Sicherlich ist es wichtig und ratsam ständig weiter an der E-Zigarette zu forschen. Doch sollten sich die Forscher doch bitte darauf besinnen, dass ihr Auftrag darin liegt, Tatsachen festzustellen, die in einer seriösen Studie zugrunde liegen. Denn wenn nicht zusammenpassende Komponenten und Variablen einen Test so aussehen lassen, wie Politik, Tabak- und Pharmaindustrie sich das wünschen, dann fühlen wir uns doch wieder an die EU und ihre Rettungspolitik zum Euro erinnert, die am Ende den Verbraucher und Bürger nur verunsichert anstatt diesen zu schützen.

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